Meryl Deep über Mut, Wandel und die Haltung, die Unternehmen heute brauchen

Veränderung ist kein Projekt mehr – sie ist der Normalzustand. Wer das wirklich verinnerlicht hat, wirkt anders: klarer, mutiger, anziehender für Talente. Meryl Deep, Keynote-Speakerin, Change-Expertin und Gründerin von Courage is Key, hat auf dem diesjährigen SHINE Female Business Summit mit ihrem Vortrag „Never Not Changing Again" etwas ausgelöst. Im Gespräch erzählt Meryl, warum Employer Branding ohne gelebte Haltung verpufft, warum echter Mut nicht Sicherheit braucht, sondern Unsicherheit aushält – und welche eine Frage jede Frau* sich stellen sollte, um ihre eigene Veränderungskompetenz zurückzugewinnen.

SHINE: „Never Not Changing Again" – was bedeutet dieser Satz für dich persönlich?

Meryl Deep: Mein Leben besteht seit der Kindheit aus permanenten Veränderungen. Spätestens mit meinem Coming-out mit 19 Jahren hat sich dann alles radikal verschoben. Heute ist dieser Satz mein persönlicher Leitsatz – ein Teil meiner Haltung. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir in einer Zeit leben, in der Veränderung ein Dauerzustand ist: politisch, digital, gesellschaftlich. Unternehmen und ihre Mitarbeitenden müssen sich immer schneller auf neue Bedingungen einlassen können. Der Satz fasst also Aufruf und Haltung zugleich zusammen. Es geht darum, eine innere Einstellung zu entwickeln, aus der heraus wir Veränderungen nicht mehr als Ausnahmezustand erleben, sondern als selbstverständlichen Teil unseres Lebens.

SHINE: Du sagst, Veränderung ist heute kein Projekt mehr, sondern Normalzustand. Warum tun sich Organisationen – obwohl sie das wissen – immer noch so schwer damit?

Meryl Deep: Veränderungen scheitern selten an fehlender Strategie oder mangelndem Wissen. Es gibt mittlerweile bewährte Change-Modelle, die den idealtypischen Verlauf von Veränderungsprozessen aufzeigen. Der eigentliche Grund, warum Change-Projekte scheitern, liegt woanders: Die betroffenen Mitarbeitenden werden nicht einbezogen, und eine Kultur des Ausprobierens fehlt. Mut ist immer die Grundlage für Veränderung – doch viele Mitarbeitende und Führungskräfte warten lieber auf Anweisungen von oben, statt selbst loszugehen. Das erzeugt Stillstand, Frustration und Widerstand. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, ein Mindset zu schaffen, in dem Menschen ermutigt werden und sich als aktiven Teil des Wandels begreifen. Das erzeugt Motivation, Fortschritt und Selbstwirksamkeit.

SHINE: Du beschreibst, dass Talente heute nicht nur einen Job wählen, sondern ein „System". Woran erkennen Bewerber:innen konkret, ob ein Unternehmen Veränderung wirklich lebt?

Meryl Deep: Gerade junge Menschen wollen heute nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen. Es geht ihnen um Werte, Haltung und Purpose. Das von außen zu beurteilen, ist allerdings schwierig. Meine Empfehlung: Im Bewerbungsprozess gezielt nachfragen. Sich konkrete Beispiele für die Zusammenarbeit geben lassen, um ein möglichst reales Bild der Unternehmenskultur zu bekommen. Das ist der direkteste Weg. Und die Reaktion auf solche Fragen zeigt häufig schon sehr gut, wie sehr ein Unternehmen lebt, was es nach außen verspricht.

Meryl Deep auf dem SHINE Female Business Summit im März 2026 in München | © Insa Grüning

SHINE: Viele Unternehmen investieren stark in Employer Branding und Benefits. Warum greifen diese Maßnahmen zu kurz, wenn die Haltung dahinter nicht stimmt?

Meryl Deep: In Employer Branding zu investieren halte ich grundsätzlich für sinnvoll – jedes Unternehmen möchte als attraktive:r Arbeitgeber:in wahrgenommen werden. Das Problem entsteht, wenn diese Maßnahmen zur reinen Werbebotschaften werden und nichts mit der gelebten Kultur zu tun haben. Was Benefits betrifft: Sie sind heute oft ein „nice to have", aber Nachwuchstalente wollen mehr. Sie wollen Teil einer Community sein, die mit ihrem Unternehmenszweck einen echten Mehrwert für Gesellschaft und Welt schafft. Im Kern geht es um Authentizität – wird wirklich gelebt, was versprochen wird, oder nicht?

SHINE: Unsicherheit auszuhalten fällt vielen Führungskräften schwer. Wie können Leader Orientierung geben, ohne falsche Sicherheit zu versprechen?

Meryl Deep: In unsicheren Zeiten Sicherheit zu vermitteln, ist eine der höchsten Anforderungen an Führung. Möglich wird das vor allem durch zwei Dinge: Authentizität und Ehrlichkeit. Wenn eine Führungskraft offen anspricht, dass gerade unsichere Zeiten sind – und sich dabei selbst als unsicher zeigt –, dann schafft das Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage für ein echtes Sicherheitsgefühl. Ich nenne das den rosa Elefanten im Raum. Sprich offen aus, was sowieso alle denken. Das bringt Erleichterung und signalisiert dem Team: Ich darf sagen, was ich denke. Das stärkt den Zusammenhalt – und damit auch das Gefühl von Sicherheit.

SHINE: Und was unterscheidet Führungskräfte, die Wandel wirklich ermöglichen, von denen, die ihn – vielleicht unbewusst – blockieren?

Meryl Deep: Das ist eigentlich ganz einfach: Niemand mag Veränderungen wirklich – das liegt in unserer DNA. Die Führungskräfte, die Wandel gestalten, sind nicht diejenigen, die keine Bedenken haben oder Veränderung per se gut finden. Es sind diejenigen, die die Notwendigkeit erkennen und ins Handeln kommen. Die verstehen, dass in jedem Wandel auch neue Chancen stecken. Mut bedeutet nicht, keine Unsicherheit zu verspüren. Mut bedeutet, trotz Unsicherheit loszugehen. Das ist die Basis jedes erfolgreichen Veränderungsprozesses.

„Wir wollen Veränderung – aber bitte so, dass alles bleibt, wie es ist."

SHINE: Welche Rolle spielt persönliche Veränderungskompetenz in einer Arbeitswelt, die permanent im Wandel ist?

Meryl Deep: Veränderungskompetenz ist eine der wichtigsten Kompetenzen der Zukunft – wobei das eigentlich gar nicht neu ist. In der Natur war es immer die Spezies, die sich am schnellsten an veränderte Bedingungen anpassen konnte, die sich durchgesetzt hat. Daran hat sich nichts verändert. Das betrifft übrigens alle Geschlechter gleichermaßen. Die geradlinige Karriere gibt es auch bei Männern oft nicht – diese These wage ich zu bezweifeln.

SHINE: „Courage is Key" ist ein zentrales Motiv deiner Arbeit. Wo braucht es im Unternehmenskontext heute am meisten Mut?

Meryl Deep: Mut ist die Basis für alles, was wir tun – privat wie im Beruf. Jede:r Einzelne braucht ihn, und Führungskräfte müssen ihn zusätzlich in anderen wecken – das halte ich für eine ihrer Kernkompetenzen. Dennoch glaube ich: Veränderung beginnt im Top-Management. Nur wenn sie dort vorgelebt wird, können sich alle anderen Ebenen daran orientieren. Was ich in der Praxis leider häufig erlebe, lässt sich so zusammenfassen: „Wir wollen Veränderung – aber bitte so, dass alles bleibt, wie es ist." Meine Arbeit setzt beim Mut an. Mut, Dinge anzusprechen. Mut, Veränderungen zu leben. Mut, ehrlich zu sein – zu sich selbst und zum Team.

SHINE: Wenn du unseren Leser:innen eine einzige Reflexionsfrage mitgeben dürftest – welche wäre das?

Meryl Deep: Wann hast du dir einreden lassen, dass deine Stimme und deine Ideen nicht zählen – und bist still geworden? Hol dir deine Power zurück. Courage is Key.

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